Bronzene Hundemarke
Die Bundeswehr will ein Ehrenmal für ihre toten Soldaten. Doch die Nation streitet um Stil und Ort des Gedenkens. In Berlin droht eine Inflation von „Kranzabwurfstellen“
cht mal 41 Meter wird die Fläche der Halle messen, zehn Meter hoch der Stahlbetonrahmen aufragen, „mit einem Kleid aus gestanzter Bronze“, wie Architekt Andreas Meck erklärt. Das fragile Metall soll an jene blechernen Erkennungsmarken erinnern, deren eine Hälfte im Todesfall zur Identifizierung abgebrochen wird. Soldaten nennen sie oft die “Hundemarke”.
Es geht um das erste nationale Soldatendenkmal der Nach-Hitler-Zeit. Seit Gründung der deutschen Bundeswehr vor 53 Jahren starben etwa 2600 Soldaten im Dienst, zumeist bei Flugzeugabstürzen, Manöverunfällen oder durch Selbstmord. 69 kamen bisher bei Auslandseinsätzen ums Leben. Es werden mehr werden. Und so kam Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) bei seiner ersten Afghanistan-Visite anno 2005 der Gedanke, dass das Militär endlich ein "zentrales Ehrenmal für die Toten" brauche.
Flott schritt er zur Tat, berief eine kleine Findungskommission, die sich alsbald auf den Münchner Architekten Meck einigte. Dem schwebt als „würdevoller Ort“ vor eine zu zwei Dritteln offene Pfeilerhalle, die im tiefsten Innern einen schwarzen "Raum der Stille" beherbergt. General Wolfgang Schneiderhan, Generalinspekteur der Bundeswehr, zeigte sich von dem Entwurf “persönlich angesprochen und berührt“.
Die Namen der Toten werden womöglich per Laserprojektion gezeigt. So, sagen Spötter, falle auch ein Update leichter. Die Inschrift steht bereits fest: „Den Toten unserer Bundeswehr. Für Frieden, Recht und Freiheit.“ Schon im letzten November, am Volkstrauertag, wollte der Minister den ersten Spatenstich vollführen. Doch gebrach es ihm an einer Baugenehmigung. Auch regte sich bald Protest. Die Begeisterung der Bevölkerung für die Militäreinsätze, vor allem den in Afghanistan, schwindet. Nach sechs Jahren Einsatz, meint der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter, sei der Frieden dort “so fern wie unter der sowjetischen Besatzung”. Jung und seine CDU-Kollegen strebten vielmehr danach, “das noch an der Vergangenheit arbeitende deutsche Bewusstsein planvoll zu remilitarisieren”.
Vielen Politikern wiederum, obwohl prinzipiell für ein Denkmal, ist der geplante Ort nicht geheuer. Der Verteidigungsminister will das Ehrenmal neben seinem Berliner Amtssitz errichten, dem Bendlerblock am Landwehrkanal im Bezirk Tiergarten. Hier residerte einst eine Keimzelle der Kriegs-Opposition: das “Amt Ausland/Abwehr” des Admirals Wilhelm Canaris. Hier wurden auch Schenk Graf von Stauffenberg und andere Mitglieder des späten Widerstands gegen Hitler in der Nacht zum 21.Juli 1944 erschossen. Vor kurzem erst stand im Bendlerblock der Scientology-Botschafter Tom Cruise als Stauffenberg vor der Kamera.
SPD, FDP und Grüne wünschen ein Ehrenmal in Parlamentsnähe weil doch der Bundestag die Auslandseinsätze beschließt. Er verstehe nicht, sagt der Grünen-Abgeordnete Alexander Bonde, warum Jung das Mahnmal „mit Penetranz im Hintergarten seines Ministeriums plant“. Experten wiederum behagt die ganze “staatspolitische Symbolik” nicht. An die 170 Historiker und Kunsthistoriker attackierten per offenem Brief die „sakrale Überhöhung des Soldatentods“. Der Entwurf verkörpere „die Heiligung und Belohnung des Soldatentods durch den Aufstieg zum Licht“; in den Augen der Autoren schlicht „eine Übernahme der Bildformeln des nationalen Totenkults aus dem 19. und 20. Jahrhundert“.
Ende Oktober organisierten das Militärgeschichtliche Forschungsamt und die Universität Halle-Wittenberg gar eine Tagung, die den Umgang mit dem Sterben in Uniform von Amerika bis Australien durchleuchtete Titel: “Der Tod des Soldaten als demokratische Herausforderung”. In der Bundesrepublik, schlussfolgert Professor Manfred Hettling, fehle „die Möglichkeit, gewalthaften Tod staatspolitisch zu symbolisieren und damit das eigene Gemeinwesen zu legitimieren." Andere sprachen schlicht von “gebildetem Getue”.
Der Minister will sein Ehrenmal nun zügig zementieren. „Noch in diesem Frühjahr“ sei der Baubeginn geplant, erklärte das deutsche Verteidigungsministerium vergangene Woche auf Anfrage von profil. Damit liegt das Militär voll im Berliner Gedenk-Trend. Zur gleichen Zeit sollen Mahnmale realisiert werden, die das Leid der von den Nazis verfolgten und ermordeten Homosexuellen wie der Sinti und Roma thematisieren.
Geplant sind auch "sichtbare Zeichen" der Heimatvertriebenen, eine Gedenkstätten für die “Opfer des Terrors" der Roten Armee Fraktion und eine für die "Freiheit und Einheit Deutschlands". Aus dem ehemaligen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen soll bis 2011 eine Ausstellungshalle werden. Bis dahin wird auch die zentrale Mauer-Gedenkstätte in der Bernauer Straße runderneuert auf 45 000 Quadratmetern. Schon jetzt erinnert vor der Philharmonie provisorisch ein grauer Bus aus Beton an die Euthanasiemorde der Nazis.
Es wird eng in Berlin. Schon moniert der Architekturkritiker Dieter Hoffmann-Axthelm einen "Gedenkwahn". Auch andere rügen die Inflation der „Kranzabwurfstellen“, oft nur geschaffen, um einem bommenden Tourismus im ansonsten notorisch bankrotten Berlin neue Highlights zu verschaffen. Mit rund 24 Millionen Tagesbesuchern überflügelt die Stadt bereits Rom.
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