Schmetterlinge und Elefanten
Deutschland marschiert aus der gefühlten Depression in die große Koalition
Von Tom Schimmeck
in Schmetterling kann einen
Taifun auslösen", lernte die deutschen Fernsehzuschauer am vergangen
Mittwoch auf allen Kanälen. Kein Kommentar zu den jüngsten
Katastrophen an der US-Südküste. Der Satz war als Stimmungsaufheller
für eine verzagte Nation gedacht. Das 82-Millionen-Volk soll zu neuen
Höchstleistungen angestachelt werden: "Dein Wille ist wie Feuer
unterm Hintern."
"Du bist
Deutschland" nennt sich die gewaltige Aufbruchs-Kampagne, die bis Anfang
2006 die Volksseele massieren will, auf Plakatwänden und Bildschirmen, in
Kinos und Zeitungen. Fast alle Verlage und Sender der Nation haben kostenlos
Fläche und Zeit zur Verfügung gestellt, um, so Bernd Kundrun, Chef
des Verlagshauses Gruner+Jahr, "einen Bewusstseinswandel für mehr
Selbstvertrauen und Motivation" anzustoßen.
Auch die politischen Akteure
in Berlin suchen seit der Wahl am 18. September händeringend nach einem
Neustart. Sechs Parteien in fünf Fraktionen nehmen demnächst im
Reichstagsgebäude Platz, Mehrheiten sind da schwer zu finden. Nach
allerlei freundlichen Kaffeerunden steuern SPD und CDU/CSU auf eine
Elefantenhochzeit zu: Die große Koalition. Beide Volksparteien, vom
Wähler gerupft und nun nahezu gleichstark, kämpfen um die
Führungsrolle. Angela Merkel will ins Kanzleramt einrücken, Gerhard
Schröder dort verharren.
Der Kampf um den Thron wurde
zunächst zurückgestellt, um einander zu beschnuppern. Mitte
vergangener Woche setzen sich Merkel, der gen Berlin strebende CSU-Chef Edmund
Stoiber und einige Getreue mit Schröder, SPD-Chef Franz Müntefering
und Gefolge zusammen, um einen ersten Blick aufs gemeinsame Fundament zu wagen.
Gesucht wurde, so die Kanzlerin in spe, eine "Verständigung über
die Frage der Ausgangslage des Landes".
Die Erwartungen sind enorm.
Die erste deutsche Großkoalition nach 36 Jahren müsste viele
strukturelle Grundprobleme bewältigen:
1. Eine Föderalismusreform, die das
Kompetenzgewirr zwischen dem Bund und den 16 Ländern lichtet und so die
Blockade beendet, die immer häufiger durch gegensätzliche Mehrheiten
im Bundestag und der
Länderkammer Bundesrat entsteht;
2. eine Steuerreform, die das extrem
komplizierte System vereinfacht und dem Staat verlässlichere Einnahmen
garantiert
3. eine Generalüberholung des Systems
der Renten-, Gesundheits- und Pflegeversicherung.
Die Föderalismusreform
war im vergangenen Jahr auf der Zielgraden gescheitert. Neuverhandlungen
dürften in einer Großkoalition deutlich leichter fallen. Auch
über Finanzfragen muss man sich dringend verständigen – trotz
Sparanstrengungen wächst das Haushaltsdefizit, seit Jahren verfehlt
Deutschland die EU-Stabilitätskriterien. Schon vor der Wahl beschloss
Merkels CDU eine Erhöhung der Mehrwertsteuer, die, obwohl von der SPD
zunächst verteufelt, nun als nahezu sicher gilt. Darüber hinaus
werden wohl milliardenschwere Subventionen wie die Eigenheim- und die
Pendlerpauschale gestrichen werden.
Die hohe Arbeitslosigkeit,
die fast fünf Millionen Menschen direkt tritt, drückt trotz
zahlreicher Einschnitte der rot-grünen Regierung weiter auf das
Sozialwesen. Im Bereich Gesundheit-Plege-Rente stehen sich konträre
Konzepte gegenüber. Die SPD will in einer
"Bürgerversicherung" alle zum sozialen Ausgleich heranziehen, die Union dagegen strebt
eine weitgehende Privatisierung des Systems an. Da gäbe es, meint Karl
Lauterbach, Sozialexperte und Neuparlamentarier der SPD, "eigentlich keine
Schnittmengen".
Die beiden Volksparteien sind
quasi zum Erfolg verdammt. Sie stehen künftig unter schärfster
Beobachtung der drei Oppositionsfraktionen von FDP, Grünen und
Linkspartei, die keine Gelegenheit auslassen werden, sich gegen die
übermächtigen Großen wie gegeneinander zu profilieren. Vor
allem die SPD ist hier unter Feuer. Sie muss sich nach der ganz auf den Chef
zugeschnittenen Ära Schröder neu finden.
Bei der CDU lastet der Druck
vor allem auf Chefin Merkel persönlich, die unter exzellenten Bedingungen
die Chance zur schwarz-gelben Mehrheit verpasste. Die Kandidatin, tuscheln die
Gefährten, habe zu "kalt" agiert, die CDU müsse sich
weniger "marktradikal" auszurichten und auf soziale Traditionen zu
besinnen. Das hoch gelobte Steuerwunder Paul Kirchhof verschwand noch am
Wahlabend in der politischen Versenkung. Merkel kann rechnen: Sobald Rote und
Grüne ihren Frieden mit den Schmuddelkinder von der Linkspartei machen,
wäre eine linke Mehrheit im Bundestag kein Problem.
Am stärksten sind die
Wahlwirkungen auf die deutschen Grünen. Sie üben trotz stabiler
Ergebnisse nun nirgendwo mehr Macht aus. Der heimliche Parteichefin Joschka
Fischer zieht sich auf die Hinterbank zurück. Die Partei sucht nach neuen
Perspektiven. Der scheidende Umweltminister Jürgen Trittin gab letzte
Woche schon die Parole von der "Rückeroberung von Machtpositionen in
den Ländern" aus. Auch er weiß: Ein Schmetterling kann einen
Taifun auslösen.
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