TOM SCHIMMECKs ARCHIV
März 2000
 

Blutarme Schwestern

Die CDU plant ihre Runderneuerung mit Angela Merkel. Doch der Weg zurück zur Macht ist lang.

D

as ist das Schöne, wenn man am Abgrund gestanden hat: Plötzlich machen auch kleine Dinge wieder große Freude. Als die CDU-Generalsekretärin Angela Merkel am Montag letzter Woche offiziell auserkoren wurde, die Führung der affärengebeutelten und schuldengeplagten deutschen Volkspartei zu übernehmen, strahlte die Chefin in spe über die große Zustimmung zu ihrer Person";. Sie habe, sprach Merkel wacker, "Lust auf das Amt".

Kein Zweifel mehr: Alle Zeichen stehen auf Merkel. Und weil das so ist, mag nun auch kein Mitchrist mehr abseits stehen. Huldigungen kommen von allen Flügeln der Volkspartei, selbst von der bayerischen CSU-Schwester. Die kampflos geschlagenen Konkurrenten knurren nur noch leise.

Ja, man ist überrascht über sich selbst. Und tatendurstig nach all den Schrecken. Mit einem Unterton der Verzückung sprechen CDUler von einer "Kulturrevolution";. Erneuerung soll es sein. Da kommt Angela Merkel gerade recht - als vierfache Zumutung: Frau, Protestantin, aus dem Osten und erst 45. Jeder dieser Faktoren hätte vor einem Vierteljahr noch als Ausschlusskriterium gegolten. Doch die Großaffäre um das Finanzgebaren des Patriarchen Kohl, der die Partei ein Vierteljahrhundert lang beherrschte, macht bei den Konservativen Unmögliches möglich.
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Merkel verkörpert die maximal verkraftbare Distanz zum Althergebrachten. Die Frau, die mit der Partei das lange Tal der Tränen durchschritten hat, soll nun auch die Führung übernehmen, die Wiederauferstehung zelebrieren.

Was ist aus der CDU geworden? Einst war sie die Partei der fleischigen Honoratioren, die für Recht und Ordnung standen, manchmal mit hochrotem Kopf, und die entscheidenden Fragen in Hinterzimmern klärten. Eine Partei für Bauern, Handwerksmeister, gläubige Arbeiter und sittsame Leute, auch für ein paar Großbürger und Industrielle. Das ist längst passé, war schon unter Kohl nur die halbe Wahrheit. Doch Kohl war noch klassisch: "Unabhängig von Stimmen und Stimmungen, ausgestattet mit monumentaler Unbeirrbarkeit";, sagt der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte, "verkörperte Kohl die Festung bürgerlicher Werte der Bonner Republik."

Nun, da seine Herrschaft dahin ist, empfinden die lange Beherrschten auch seinen Stil als sehr archaisch. Die Parteispendenaffäre entzauberte Kohl und seine Kerle im Schnelldurchgang - und so gründlich, dass alle Rituale auf den Prüfstand kamen. Die verwirrte Restführung beschloss, in die noch verwirrtere Basis "hineinzuhorchen";, die man landauf, landab auf Regionalkonferenzen versammelte. Und siehe da: Der Parteikörper machte Aerobics, die 637000 Parteimitglieder wollten den Salto mortale. Keine Festung mehr, sondern eine flotte Managerin.

Nicht nur die Frauen und die Parteijugend riefen nach Merkel, selbst ältere Herren verfielen in Lobpreisungen der einst so blassen Generalsekretärin, die im Dezember als erste die Abkehr vom alten Schlachtross Kohl empfohlen und der Partei geraten hatte, doch alleine laufen zu lernen. Zu einer Zeit, als ihre Konkurrenten sich noch wanden und taktierten. Nun gilt sie als Vorreiterin von Offenheit und mehr Diskussionskultur. 

Die neue Form, wiewohl aus großer Not geboren, ist bislang Merkels ganzes Programm. Ihre Hearings beim Parteivolk, meint Merkel, seien "der erste Schritt zu einem neuen Selbstverständnis der Kommunikation zwischen Parteiführung und Basis";. Überhaupt soll die Haltung nun eine andere sein - auch gegenüber dem politischen Gegner. Merkel äußert sich regelmäßig abfällig über das "Schützengräben-Schubladendenken";, das "Feind-Denken nach Kalter-Krieg-Art";. Das bedeutet nicht, das nun ein Schmusekurs gegenüber der rot-grünen Regierung gefahren wird. Als CDU-Generalsekretärin wirkte Merkel maßgeblich an einer Unterschriftenaktion gegen die geplante Doppelstaatsbürgerschaft für Immigranten mit - einer hochgradig polarisierenden Kampagne, die vor einem Jahr zum Sieg der CDU im Bundesland Hessen führte. 

Doch hat die designierte Parteichefin wohl richtig erkannt, dass in Zeiten, da die inhaltlichen Übereinstimmungen der Volksparteien immer größer werden, klassisches parteipolitisches Gezänk auf die Wähler zunehmend abstoßend und absurd wirkt. Nach dem Machtverlust im Herbst 1998 verordnete sie der Partei den wachsweichen Slogan "Mitten im Leben";, unter dem die CDU bis heute dahindümpelt. Wenn die geprügelten Parteigranden in den vergangenen Monaten vor die Öffentlichkeit traten, um immer neue Weiterungen des Skandals zu beichten, entfaltet der Spruch auf den Stellwänden hinter ihnen oft eine unfreiwillige Komik. 

Die Sehnsucht nach neuen Formen schützt nicht vor Rückfällen. So eilte Merkel just ihrem Parteifreund Jürgen Rüttgers zu Hilfe, der gerne bei im Mai anstehenden Wahlen im großen Bundesland Nordrhein-Westfalen gewinnen würde. Rüttgers hatte gegen den Vorstoß von SPD-Kanzler Gerhard Schröder gewettert, der händeringend nach Fachkräften suchenden deutschen Computerbranche mit einer "green card; nach US-Vorbild die Anwerbung ausländischer Fachkräfte zu erleichtern. Stattdessen solle man doch lieber einheimische Kräfte aus- und fortbilden, meinte Rüttgers und reimte: "Kinder statt Inder";. 

Der dumme Rüttgers-Spruch war eine Verzweifelungstat. Denn der Christenunion fällt es zunehmend schwer, Themen zu finden, mit denen sie sich klar von der rot-grünen Regierung abheben kann. Nach ein paar hastigen Stolperschritten und Patzern beim Start hat die Schröder-Regierung zu einem bedächtigen Reformtempo gefunden. Nun schreiten Schröders Akteure sehr pragmatisch und staatstragend voran. Längst wirkt das bedächtig gewordene rot-grüne Projekt auf SPD-Linke und grüne Fundamentalisten abstoßender als auf deutsche Konservative. Der grüne Außenminister Joschka Fischer, einst ein veritabler Bürgerschreck, genießt im Lande höchste Popularität. Auch Schröder selbst hat in alte Umfragehöhe zurückgefunden. Würde heute gewählt, fände sich rot-grün bequem bestätigt. 

Die Schwarzen tun sich schwer, dagegen eine Strategie zu finden. Auch deswegen setzt Angela Merkel zunächst mehr auf Charme als auf Themen. Schon als Bundesministerin unter Kohl, zunächst für das Familien, später für das Umweltressort zuständig, hat sie wenig Inhalt erkennen lassen. Fast trotzig sagt Merkel: "Wer nachdenkt, wird sehen, dass ich in den acht Jahren, in denen ich Ministerin war, für eine ganze Menge Inhalte gestanden habe. Als Umweltministerin habe ich mich klar zur Kernenergie bekannt.<;

Der Mangel an Profil ist für sie derzeit von Vorteil - denn so kann sie eine breite Projektionsfläche bieten, ein Gefäß für allerlei Hoffnungen. Merkel ist für die Anhänger wie Weihnachten: Jeder darf sich etwas wünschen - ob es in Erfüllung geht, steht freilich dahin. 

Allen Christdemokraten gemein scheint nur der Wunsch, alsbald das Büßerhemd abzustreifen und wieder den Kampfanzug anzuziehen. Zwar ist die Aufklärung der Affäre noch in vollem Gange - der Untersuchungsausschuss des Bundestages tagt im Akkord, Staatsanwälte ermitteln fleißig weiter. Die Partei aber will die Qual beenden, hat den Vorgang für erledigt erklärt und zeigt sich begierig, wieder in die Zukunft zu schauen. Angela Merkel weiß, dass die Parteibasis dankbar ist für ihren Schnitt" und zugleich hofft, er möge nicht zu tief ausfallen. Sie hat den Bruch vollzogen, nun soll sie auch Kontinuität verkörpern. Und eine neue Identität schaffen.

Das ist ein heikel Ding. Denn auch die CDU spürt, dass die alten Milieus zerfallen, die Eckfeiler ihrer Wertegemeinschaft marode geworden sind. Das ist nicht nur ein deutsches Phänomen. Bis auf den Spanier Aznar und den Österreicher Schüssel, der nur im Pakt mit den Blauen an die Macht kam, sitzt in Europa kaum ein Konservativer im Regierungssessel. Manch schwarze Partei zeigt noch weit größere Erosionserscheinungen als die CDU. 

Nun muss auch Angela Merkel auf die Frage antworten, wofür Konservative im neuen Jahrtausend stehen. Bislang redet sie noch recht wolkig daher von "einer neuen Mediengesellschaft";, von "emanzipierteren Bürgern"; und "abnehmender Blockbildung";. Sie beruft sich auf CDU-Verdienste bei der deutschen Wiedervereinigung, auf Grundideen der sozialen Marktwirtschaft und "das christliche Menschenbild";. Und sagt, was alle sagen: Dass die Globalisierung neue Antworten verlangt. Doch zu formulieren, was sie anders, gar besser machen will als die regierende Konkurrenz, fällt auch Frau Merkel schwer. Nicht zuletzt, weil ihre Partei gerade 16 Jahre an der Regierung war und noch ermattet scheint von der Anstrengung.

Zudem verfügt Angela Merkel über weit weniger Macht als ihre Vorgänger: Sie ist nirgendwo Ministerpräsidentin und auch nicht Chefin der Bundestagsfraktion. Kein starker Landesverband trägt sie, nur eine Welle der Sympathie. Das schafft Freiheiten - weil Angela Merkel nicht von Koalitionszwängen und taktischen Tagesfragen gebremst wird. Doch im Ernstfall ist sie auch sehr angreifbar.

Der Erneuerungsprozess hat gerade erst begonnen. Denn nicht nur Angela Merkel tritt neu an, auch eine Fülle anderer Schlüsselpositionen muß neu besetzt werden. Die alte CDU-Garde tritt en gros ab. Einen Teil hat die Affäre weggeräumt den Altkanzler Kohl, den Law-and-Order-Mann Manfred Kanther. Andere haben schlicht die Pensionsgrenze erreicht, etwa der Sozialpolitiker Norbert Blüm oder der Generalist Heiner Geißler. 

Das schafft neue Unsicherheiten. Schon argwöhnt der rechte Flügel der CDU, die Partei könne unter Merkel und dem neuen Fraktionschef Friedrich Merz in allzu liberales Fahrwasser geraten. Andere fürchten, die CDU könnte leichtfertig feste Bastionen räumen, etwa in der Europapolitik, wo zunehmend der euroskeptische CSU-Chef Edmund Stoiber das Wort führt. CDU-intern hat etwa das Thema EU-Ost-Erweiterung rege Debatten ausgelöst. Überhaupt zeigt die rechtere CSU starke Ambitionen, die Blutarmut der großen Schwester für allerlei Transfusionen zu nutzen. Zumal Edmund Stoiber vielleicht noch gerne Kanzlerkandidat würde.

Das Sujet allerdings ist bei der CDU derzeit höchst unpopulär. Zumal Angela Merkel Spaß daran finden könnte, in zwei Jahren selbst gegen Gerhard Schröder anzutreten. Und so sehr sie sich auch absetzt vom bislang gepflegten Stil - das politische Geschäft hat auch Angela Merkel unter Helmut Kohl gelernt. Der wird ihr beigebracht haben, wie viel Imagepflege und Präsenz bedeuten. Und dass die Zeit viele Wunden heilt.


Dieser Text wurde für eine österreichische Zeitschrift verfasst

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