Im Stahnke-Wahn

Millenium Madness oder was? Eine Tagessprecherin will in Hollywood Nazibraut werden. Das Boulevard tobt. Die Instanzen sind empört


von Tom Schimmeck 

Seufzend sackt sie ins Fauteuil. Es war ein harter Abend. "Ich kann doch nichts dazu", sagt sie heiser , "ich hab doch niemandem etwas böses getan."

Stundenlang war Susan Stahnke, 31, die Ex-"Tagesschau"-Lady, zuvor auf dem Hamburger Presseballs im engen Escada-Kleid durch die Festsäle getrippelt, um als Moderatorin schön deutlich, aber humorfrei Buffett, Tanz und Tombola anzusagen ständig bestürmt von Fotografen und Kameraleuten, eifrig beäugt von 1000 mittelwichtigen Ballgästen. Alle wollten einen Blick werfen auf Deutschlands absurdesten Boulevard-Star nach Verona Feldbusch.

Eine erstaunliche Medienkarrire. Vor kurzem noch war Frau Stahnke, 31, schlichte Nachrichtenverleserin des Norddeutschen Rundfunks, die freundlich und fehlerfrei Meldungen vortrug. Man wußte nur: Sie ist blond, blauäugig und kann Hochdeutsch.

Doch dann kam Anfang Dezember das Klatschblatt "Gala" und präsentierte die züchtige Sprecherin als Blauer Engel mit Strapsen, bereichert um die frohe Botschaft, daß die strebsame Stahnke Großes plane, eine Karriere als "Kinostar" in Hollywood nämlich. Da bebte die bunte Presse. Und der Programmdirektor wunderte sich.

Vor allem, als er erfuhr, daß seine Ansagerin ausgerechnet als Nazi-Braut zu debütieren gedenkt. Susan Stahnke soll in dem Film "The Populist" die Karin Göring geben, die 1931 verstorbene erste Gattin des Reichsmarschalls Hermann Göring. Das Filmprojekt, das schon seit Jahren durch Hollywood geistert, basiert auf einem Buch des Deutsch-Amerikaners Ernst Hanfstaengl, in Hitlers Kreisen einst "Putzi" genannt, der Hitler in frühen Jahren in die bessere Gesellschaft einführte und später als "Auslandspressechef" agierte. Regie soll der "Rambo-Ersttäter Ted Kotcheff führen, Noah Wyle ist als Hauptdarsteller gebucht, am Skript hat sich Gandhi-Autor John Briley versucht. Die Dreharbeiten, beteuern die Macher, sollen angeblich im Mai beginnen.

Das Angebot für die "tragende Nebenrolle", beteuern Frau Stahnke und ihr Manager und Freund Thomas Gericke, sei aus heiterem Himmel über sie gekommen, als sie den Star-Manager Dick Guttman aufsuchten, um einen Interviewtermin mit dessen Schützling und Bond-Darsteller Pierce Brosnan einzufädeln. Frau Stahnke und Freund Gericke werkeln nebenberuflich an einem "hochwertigen VIP-Magazin" (Gericke), einer Serie von Promi-Interviews, die sie an das deutsche Fernsehen verkaufen möchten. Placido Domingo und Linda Hamilton, heißt es, seien bereits "abgedreht", Michael Douglas, Kevin Costner, Tony Blair und Gerhard Schröder sollen folgen. Solche Namen gehen dem Paar flüssig von der Zunge. Produziert wird die Reihe von Gerickes "Image TV". Der einzige Haken: Bislang ist kein Sender so richtig entzückt von der Idee.

Als die blonde Germanin also den Guttman traf, um dem Brosnan näher zu kommen, soll der Star-Manager ganz entzückt gewesen sein und Frau Stahnke darauf hingewiesen haben, daß sie aussehe wie Sharon Stone und die Welt größer ist als die "Tagesschau". Und von Regisseur Kotcheff ist der Satz überliefert: "Sie ist genau der Typ, den ich suche."

Das Brosnan-Interview hat immer noch nicht stattgefunden, auch den Job als "Tagesschau"-Sprecherin ist Frau Stahnke los. Denn "Schauspieler und Nachrichtensprecher sind", wie ihr Ex-Programmdirektor Kellermeier, ein Alt-Sozi aus der Garde Helmut Schmidt, sehr nüchtern feststellte, "zwei sehr unterschiedliche Berufe".

Alles, was der Vielleicht-Star nun hat, ist ein Vorvertrag für die Nebenrolle. Und Spötter en masse. Die Freude über "Straps-Stahnke" und "Super-Susi" nimmt kein Ende. Als Zentralorgan gerierte sich Nachtkomiker Harald Schmidt, der eine frisierte Bettszene aus "Basic Instinct" als Susans ersten Hollywood-Auftritt präsentierte. "Bild", auch täglich im Stahnke-Fieber, hechelte, mit dem ältesten Trick des Boulevards, hinterher, rief: "Das war gemein, Harald!" und lieferte alle fiesen Details. Und natürlich tauchte gleich die Frage auf, wann sich das blonde Gift wohl im Playboy zeigen wird. Nicht nackt, lautete die Antwort, aber vielleicht verhüllt mit einer Deutschlandfarbe. Oh Susan, oh Deutschland!

Die Talkschows kämpfen um sie und witzeln gleich mit. "Wir haben Susän Stänkey hier", brüllten die Publikums-Animateure der Johannes B. Kerner-Show vergangene Woche, bevor das Duo Stahnke-Gericke dort auftrat, "das ist die amerikanische Version von Susan Stahnke". Kaum war die ZDF-Show gelaufen, lud ARD-Talker Biolek die schon gebuchte Stahnke wieder aus. Der sei nur sauer, glaubt Manager Gericke, weil "wir zuerst bei Kerner waren". Die Biolek-Leute hätten gar "versucht, uns mit Geld gefügig zu machen".

Bei so viel Erregung durften auch die Ex-Kollegen nicht fehlen. Aus dem Off sorgte sich ARD-Senior Friedrich Nowottny um die Tagesschau als "seriöses Gesamtkunstwerk". Intern wurden kleine Anekdoten herumgereicht, etwa die von der "Tagesschau"-Anfängerin Stahnke, die zur NDR-Pressestelle kam und sagte: "Ich heiße Susan Stahnke, komme aus Hameln und habe mein Abitur mit 1,3 gemacht." Die Sache sei "total verrückt", schimpfte Sprecher Hofer öffentlich und Eva Hermann äzte: "Susan Stahnke sagt immer die Wahrheit wenn sie die Nachrichten spricht." Der Ex-Kollege und -Wohnungsnachbar Jens Riewa publizierte gar einen sorgentriefenden "Offenen Brief" in "Bild" ("Wir waren wie Bruder und Schwester"). Woraufhin die Karin Göring in spe in einer Talkshow fauchte, daß Riewa in ihrem Hause "sowas wie der Blockwart" war. Am Schluß versöhnte man sich live im Radio ("Sie ist ein feiner Mensch").

Ist es der übliche Wahn vor der Kameralinse? Die besondere Tragik des Fernsehsprechers, dessen Bekanntheitsgrad in einem gewissen Mißverhältnis zur Bedeutung der Tätigkeit steht? Oder gar Millenium Madness - der Irrsinn angesichts der Jahrtausendwende?

Fest steht: Dank dieses Urknalls im Nichts, dieser postmodernen Kakophonie ist Frau Stahnkes ist die Bekanntheit der Frau Stahnke kräftig gestiegen. Sie nutzt die vielen Gratisauftritte, um auf ihr Multitalent hinzuweisen.

"Generell sehe ich mich als sehr rollengewandt", sagt sie und läßt einfließen, daß sie immer "eine gute Kollegin" war, schon mit 9 Jahren Ballettunterricht hatte, als Schülerin einen Bundeswettbewerb Fremdsprachen gewann und Diplom-Betriebswirtin ist.

"Nein", sagt sie des Nachts im Fauteuil, sie sei "nicht größenwahnsinnig", ihr sei nichts zu Kopf gestiegen: "Ich bin weder eine blutleere Karriere-Zicke noch habe ich Rasierklingen an den Ellenbogen. In mir ist die Liebe zur Kunst sehr alt."

Hat sie das Nachrichten-Verlesen vielleicht als Korsett empfunden? Oh nein, gar nicht. "Eine feine, perfekte Sprache ist unglaublich anspruchsvoll", erklärt Die Ex-Sprecherin. Man müsse "den Leuten was geben" und ihnen ja auch demonstrieren, daß "man genau weiß, wovon man da redet". Daß der Bundesrat also zum Beispiel die Länderkammer ist und wo in Jugoslawien nun gerade genau geschossen wird.

Nein, das Leben der Angestellten-Tochter aus Hameln ist einfach herrlich. Ein Illustrierten-Klischee: Kein Bruch wird sichtbar, kein Zweifel. Sie hatte eine "sehr schöne, wunderbare Kindheit", sie hat "schöne Aufgaben", eine "wunderbare Zeit", "wunderbare Einschaltquoten" und einen "großartigen Mann", den sie im Frühjahr heiraten will, in Las Vegas natürlich. "Ich bin vollkommen glücklich, ausgefüllt und voller Tatendrang", sagt die "freie Künstlerin" und läßt dazu ein Lachen ertönen, das wohl silberhell sein soll. Letztlich, so scheint es, genießt sie den tollen Lärm.

Freund Gericke, ihre "Stütze", wirkt schon ein wenig angenagt. Doch er hat noch die Kraft, ein paar erleuchtete Leitsätze beizusteuern, die ein bißchen nach Sekte duften. "Motivation kommt von Motiv", sagt er gern, oder: "Imagearbeit ist Networking". Sein wolkigster Spruch: "Ich glaube an die kosmischen Gesetze. Das, was sie denken, strahlen sie aus. Das, was sie ausstrahlen, ziehen sie an."

Und das, was sie anziehen, denken sie?

© Schimmeck