TOM SCHIMMECKs ARCHIV
2007

Bewegte Geschöpfe

Die Entwicklung der Roboter schreitet voran. Nun sollen sie auch Gefühle zeigen.
 

von Tom Schimmeck

P

leo, das süße grüne Dino-Tier, erinnert ein wenig an Urmel aus dem Eis. Nach dem Sony-Hund Aibo und allerlei anderem Elektro-Getier markiert der Kleinsaurier den nächsten Schritt in die Zukunft. Ein Roboter, der neue Interaktion und damit mehr Emotion bietet. Er gedeiht, wenn man gut zu ihm ist. Je mehr man sich kümmert, desto besser. Pleo kommt in die Pubertät (und jault den Mond an), er hat einen Stimmbruch (der Dino-Sound sackt um eine Oktave). Er wird erwachsen. Das Konzept erinnert ein wenig an die gefürchteten Tamagotchis, die vor einem Jahrzehnt “in” waren – jene eiförmigen Minicoumputer, die man stets füttern, pflegen und unterhalten musste.

Die Hightech-Spielzeug-Branche ist nur ein kleiner Zweig des wachsenden Geschäfts. Roboter marschieren auch in der Fabriken voran, in der Forschung, im Krankenhaus und ganz besonders zackig beim Militär. Bei einer großen Untersuchung vor drei Jahren wurden weltweit gut 600 000 Haushaltsroboter gezählt. “Valerie, die Superfrau” etwa, die Weihnachtsinnovation 2004, die Geschirr und Wäsche waschen, Glühbirnen auswechseln, Sportergebnisse aufsagen, Flugtickets buchen und im Notfall sogar die Polizei rufen kann. Hinzu kamen hunderttausende Unterhaltungsroboter und Millionen Industrieroboter. Es werden zügig mehr. Roboter schwimmen unter Wasser und kraxeln über den Mars. Im besonders technologiebegeisterten Japan hofft man gar, die mit der rapiden Überalterung einhergehenden Probleme der Pflege und Fürsorge an Maschinenmenschen übergeben zu können.

Woran hapert es? Zum einen an der Ausstrahlung. Mehr Gefühl!, könnte ein Schlachtruf der Roboterforschung lauten. Wiewohl es auf absehbare Zeit unwahrscheinlich ist, dass künstliche Wesen mit “echten” menschlichen Empfindungen werden aufwarten können, so soll es doch zumindest immer mehr so aussehen. In Tokio bestaunte ich vor Jahren schon einen „Ausdrucks-Roboter“ – eine lustige Fratze, die sich nach Stimmungslage verfärbte: Bei Zorn wurde sie rot, bei Furcht blaugrün. Auf Wärme reagierte sie verärgert, auf Streicheleinheiten positiv. Bei Wodkadunst hörte man ein Kichern, bei Zigarettenrauch guckte das Robotergesicht grimmig. Wenn es gar nichts zu spüren gab, ging das System in den Schlafmodus. Das modernere amerikanische Pendant heisst “Leonardo”, ein Roboter, dessen über 70 Motoren diffizile Bewegungen an Armen, Hals, Augen und Ohren steuern. Auch er ist ganz darauf ausgerichtet, Emotion per Körpersprache zu vermitteln, kann den Kopf schütteln und mit den Schultern zucken.

Können Roboter unsere Herzen erobern? Einen sehr direkten Weg geht da der HeartLander, ein nur 20 Millimeter großes, mit zwei Saugfüßen versehenes Ding, das bis zu 18 Zentimeter pro Minute schafft - krabbelnd auf dem menschlichen Herzen. Dort gelangt es mithilfe einer so genannten Schlüsselloch-Operationstechnik. Zwei kleine Schnitte und das Biest ist drin. Der Operateur steuert es per Joystick, kann mit ihm Medizin lokal verabreichen oder andere Gerätschaften montieren. Auf den schlagenden Herzen lebender Schweine ist der Miniroboter der Carnegie Mellon University in Pittsburgh bereits erfolgreich aktiv geworden.

Die Kunst-Geschöpfe sind beeindruckend. Beim „RoboCup“, der alljährlichen Fußball-WM der Roboter, treten immer imposantere Teams an. Dennoch scheint die Technologie noch immer ganz am Anfang zu stehen. Allzu vertrackt sind oft die Herausforderungen. Jedes Gelenk ist ein neues Problem, bedeutet mehr Komplexität. An jeder läppischen Bewegung muss eine Schar von Top-Experten ewig tüfteln. Das nervt die Forscher auf Dauer. Selbst Würmer können sich wunderbar vielseitig bewegen, stöhnen sie, wiewohl die Biester höchst selten promoviert haben. Fieberhaft wird nach simplen Grundregeln gesucht, die elegante Bewegungen hervorbringen. Eleganz ist überhaupt das Zauberwort.

Die Tierwelt dient hier als Inspiration. Man ahmt die Bewegungen der Raupe nach, schafft Arme stark wie Elefantenrüssel, baut künstliche Hummer, Salamander, Schlangen und Gecko-artige “StickyBots”, die an Glasscheiben hinauflaufen können. Sechs- bis Achtbeiner sind in Mode. Wissenschaftler studieren den Lauf von Spinnen und Kakerlaken in Super-Zeitlupe – um zu begreifen, wie diese selbst auf schwierigem Terrain, auf Maschendraht etwa, so flott vorwärts kommen. Man könnte solche Krabbelkünstler für Rettungsaktionen einsetzen. Und für hundert andere Zwecke. Der amphibische Roboter Aqua etwa, auch ein Sechsbeiner, der, so lesen wir in der Fachpresse, „wie eine überdimensionierte Faxmaschine“ daherkommt, soll Korallenriffe untersuchen helfen.

Britische und die US-amerikanische Militär-Forscher arbeitet an künstlichen Fluginsekten – bis zu 19 Gramm schwere "Robobugs". Auch sie werden die geistigen Defizite der Strategen nicht beheben, bieten aber verlockende Möglichkeiten für Aufklärung und Angriff. Die Technolgie ist sehr anspruchsvoll. Zumal man erst seit wenigen Jahren überhaupt weiß, wie Insekten vom Boden kommen. Motten im Windkanal zeigten es in der Detailaufnahme. Sie schlagen die Flügel herunter und zugleich vorwärts, rotieren sie dann nach hinten und nach oben. Und erzeugen so kleine Wirbelwinde, die den Auftrieb deutlich vergrößern.

Das Militär mit seinen großen Forschungsetats fördert auch die Entwicklung sogenannter „ChemBots“ – Roboter, die ihre Gestalt verändern und sich etwa durch kleinste Ritzen zwängen können. Rustikaleres Gerät findet sich längst auf den modernen Schlachtfeldern. Schon sind als Kundschafter, Bombenentschärfer und zur Bergung verwundeter Soldaten tausende „PackBots“, „Talons“ und „LandSharks“ im Einsatz. In Taiwan wurde unlängst ein neuer Sicherheitsroboter vorgestellt, der "SeQ-1", 140 Zentrimeter hoch und 130 Kilogramm schwer, mit sehr wendigem Kopf und leuchtenden LED-Augen. Der werde, verkündete ein Sprecher stolz, schon bald für die nationale Sicherheit aktiv.


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