Letztes Solo für den Kumpelkanzler
Gerhard Schröder nimmt Abschied von Deutschland. Die Schlussszene steht.
von Tom Schimmeck
s ist der Tag der Kanzlerdarsteller. Helmut Kohl, 75, schiebt sich am Mittwoch letzter Woche in den Saal 101 des Landgerichts zu Augsburg, ein hellgrau gewandetes Zentralmassiv, allmächtig, gewaltig und rundum mit sich zufrieden. Er ist der letzte Zeuge im Prozess gegen seinen ehemaligen Staatssekretär Holger Pfahls, der für Waffendeals mit Millionen geschmiert und von Zielfahndern fünf Jahre um den Globus gejagt wurde.
Peinlich? Gott bewahre! Kohl lächelt huldvoll. Kameras surren, Blitzlampen zucken. Der Alte genießt es. Er weiß: Die Optik muss stimmen. Nachrichten sind so flüchtig. Man soll nur gut dastehen und lächeln. Zählt heute mehr als alle Bilanzen und Affären.
Auch Nachfolger Gerhard Fritz Kurt Schröder, 61, steht heute bestens da. Und lächelt. Das kann er fast noch besser als Kohl. Deshalb nennen sie ihn den "Medienkanzler". Obwohl: Sitzfleisch-Kohl hat es auf sechzehn Jahre Dienstzeit im Kanzleramt gebracht, Schröder schafft wohl nur sieben. Selbst wenn Bush jetzt noch einen Riesenstunk mit dem Iran vom Zaun brechen sollte. Selbst wenn Oder, Elbe
und Rhein das Land synchron überfluten. Schröder is over. Schon meißelt auch er an seinem Monument. Legenden werden drapiert, die Beleuchtung arrangiert. Geschichte wird gemacht.
In Berlin stellt man an diesem Tag einen prallen Bildband vor: "Mensch, Schröder" fotografiert von Dieter Blum und Konrad R. Müller, der Leni Riefenstahl der deutschen Nachkriegsbebilderung. Der bildhübsche Kanzler ist bei der Präsentation anwesend. Wer bei Hofe gut gelitten ist, darf zu solchem Anlass gern ein paar wohlgesetzte Worte sprechen. In diesem Fall "Zeit"-Herausgeber Michael Naumann, Schröders Ex-Kulturstaatsminister, der dessen "ansteckendes Lachen" preist. "Ich bin den Fotografen sehr dankbar," sagt nun der Kanzler. Lächelnd.
Schon bricht er auf, zum Testlauf für den Wahlkampf, der offiziell noch gar nicht begonnen hat, zum ersten Bad in ausgewählter Menge. Schröder reist nach Hamburg-Altona, in den Wahlkreis seines Ex-Generalsekretärs Olaf Scholz. Ein kleines Dankeschön an den loyalen General, der im Kampf um Schröders Sozialreformen fiel, um "Agenda 2010" und "Hartz IV". Laut lobt er nun den treuen Genossen, "der mir in schwierigen Stunden beigestanden hat". Treue, lautet die Herrscherbotschaft, zahlt sich immer aus.
Da stehen sie nun: Olaf, der Loyale, und Gerhard, der Joviale. Müssen einen Wahlkampf entfesseln, bei dem am Ende die Niederlage sicher scheint. Die einst große Volkspartei SPD hinkt kilometerweit hinterher, steht so elend da wie 1928. Sollte sie im September noch einmal an die Macht kommen, dann nur als gedemütigter Juniorpartner der Angela Merkel. Ohne Schröder. Die Startposition, konzediert da selbst der Unverwüstliche grinsend, war "auch schon mal besser."
Die Wahlkampfmaschine stottert noch, macht ächzend und stampfend ihre ersten Umdrehungen. Selbst Sozialdemokraten haben noch nicht recht verstanden, warum dieser Schröder ein Jahr vor Ablauf der Wahlperiode Neuwahlen erzwingt. Und damit eine nahezu unabwendbar scheinende Niederlage. Es hätte weniger anstrengende Varianten eines Abgangs gegeben. Ein simpler Rücktritt beispielsweise.
Aber einfach so gehen? Nicht sein Ding. Dafür hat er sich nicht ein Leben lang emporgeboxt, vom Ladenschwengel aus Mossenberg-Wöhren, Sohn einer alleinerziehenden Putzfrau, zum Juristen, zum Abgeordneten, zum Ministerpräsidenten, zum Kanzler. Nichts daran war easy. Schon auf dem Fußballfeld riefen sie ihn "Acker". Er gab immer alles. Auch in der SPD. Durch wie viele Tausend Schützenfeste musste er sich saufen, bis er in Niedersachsen ganz vorne war? Und stand trotzdem noch am Rand. Als sich die Partei 1993 einen neuen Chef wählte, flogen nicht Schröder, sondern einem gewissen Rudolf Scharping die Herzen zu.
Schwamm drüber. Er hat es ja geschafft, hat sie alle überdauert, die Freundfeinde aus Jungsozialisten-Tagen, Scharping, Lafontaine, Engholm und wie sie alle hießen. Jetzt also die Abschiedstournee, ein letztes Mal macht er die Runde: Zocker-Gerd, der Tatmensch und Frauenschwarm, ein einsamer Wolf, der mit Charme und Chuzpe das Land erbeutete. "Das ist mein ganz persönlicher Einstieg", ruft Gerhard Schröder in der Hamburger "Fabrik", einer ehemaligen Werkhalle, zum Veranstaltungszentrum mutiert. Einstieg, sagt er, nicht Ausstieg. Wie klänge das auch.
Sie wollen ihn noch einmal sehen, den "lieben Gerd". Menschentrauben drängen sich vor der Halle. Sicherheit wird groß geschrieben. Hunde beschnüffeln Taschen, uniformierte Polizei ist in Kampfstärke aufgefahren, dazu Bodyguards vom Bundeskriminalamt und ein privater Wachdienst namens "Magnum Security". Bierdunst und Zigarettenqualm wabern zwischen den schweren Balken des industrienostalgischen Bauwerks. Für die vielen, die nicht mehr hineinpassen, wird eilig eine Außenübertragung installiert.
"Die Wahl ist keineswegs schon gelaufen", ruft der Ex-General Scholz trotzig. Jetzt wird gekämpft. "Muss ja", wie sie hier in Hamburg sagen. Die SPD müsse weitermachen, findet Scholz, damit "der Sozialstaat eine Perspektive hat". "Welcher Sozialstaat?" röhrt doch da einer frech aus dem Publikum.
Dann der Kanzler. Auftritt Schröder. Noch immer viril, kraftvoll, kantig. Ein ganzer Kerl eben. Wie er da steht auf der Bühne, im weißen Hemd auf rotem Teppich, ohne Jackett. Als habe er sich just vom Staatslenkerschreibtisch erhoben, um den Genossen endlich alles zu erklären. Und danach vielleicht eine Currywurst zu essen. Der Mensch gebliebene Schröder.
"Ganz der Alte", seufzen die Fans. Während er an ihnen seine Textbausteine ausprobiert, etwas ungelenk noch. Aber es läuft schon recht flüssig. Er hat ein annehmendes Wesen. Man trägt bald mit an seinem Kreuz, meint zu spüren, wie mühevoll es ist, Deutschland zu regieren. "Dieses Land zu modernisieren", brummt der Kanzler, "ist nicht einfach."
Na also, finden die guten Genossen, der hat noch Power. Schröder, das Wahlkampftier, der alte Stier. Der soll noch mal ran. Ist ja auch sonst keiner da alle längst ausgelaugt, gescheitert, weggebissen. Oder nicht Manns genug. Und die Nachfolgegeneration fehlt. Wer da Talent hatte, ging gleich zu den Grünen.
Sie klatschen, wenn er daran erinnert, dass seine Regierung den Ausstieg aus der Atomenergie einleitete. Und mit einem neuen Staatsbürgerschaftsrecht ein "gedeihliches Zusammenleben" von Menschen unterschiedlicher Herkunft aufbauen half. Am lautesten jubelt die Menge, als er an die deutsche Weigerung erinnert, an Bushs Irakkrieg teilzunehmen. Ja, ruft Schröder triumphierend, er habe dafür gesorgt, "dass jedem in der Welt klar ist, dass deutsche Außenpolitik in Berlin gemacht wird und nirgendwo anders".
Die Außenpolitik ist der Pluspunkt. Dabei war sie anfangs so heikel. Jäh steckten der Kanzler und sein grüner Außenminister Joschka Fischer in den Vorbereitungen zum Nato-Krieg gegen Milosevics Serbien. Deutsche Soldaten erstmals seit Adolf im Kriegseinsatz vor allem die pazifistischen Grünen drohte dieser Konflikt zu zerfetzen. Die Emotionen gingen himmelhoch.
Nach dem 11. September kam der Kriegsschauplatz Afghanistan hinzu. Vor dem Irak-Feldzug aber schauderte es Schröder. Sein Nein kurz vor der Wahl 2002 sicherte ihm den Sieg. Und eine neue internationale Rolle, an der Seite der Männerfreunde Chirac und Putin. Welch ein Trio. Fast hätte es diese deutsche Regierung in den Weltsicherheitsrat geschafft. Doch eine ähnlich tolle Allianz, die USA plus China, scheint wild entschlossen, dies zu verhindern.
Ansonsten fällt die Bilanz mager aus. Der Kohl war überreif 1998, aber dass es reichte für Rotgrün doch eine echte Überraschung. Es gab keinen Plan. Der Pragmatiker Schröder bietet viel Dampf, Machtwillen und Instinkt auf, Theorie aber, Programme, Strategien waren seine Sache nie. Anfangs sah er sich eher als Moderator, als Talkmaster der Nation, der den widerstreitenden Kräfte nur einen gemeinsamen Nenner entlocken musste, irgendwie "modern" und auch "vernünftig". Er lud zum "Bündnis für Arbeit" einem Kaffeekränzchen aus Industrievertretern und Gewerkschaftern. Man tagte viel und folgenlos. Sein erster großer Fehlschlag.
Einzelkämpfer Schröder war nie ein Freund der Institutionen. Vor der Partei verlor er, sobald er sie unterworfen hatte, allen Respekt. Dem Bundestag gegenüber blieb er skeptisch: Zu groß, diffus, zu viele Stimmen. Dieser "Genossen der Bosse" lud sich lieber Ratgeber ins Büro, Leute, die ihn beindruckten, gerne auch aus der CDU oder der Industrie. Ein kleiner Zirkel von auserwählten "Frogs", den Friends of Gerd, managte die Republik, in der Mehrzahl erprobte Niedersachsen, die Schröder aus Hannover mitgebracht hatte. Abends kamen Künstler zum Wein und brachten ihn zum Lachen.
Deutschland wurde unter Schröder zur Räterepublik, immer mehr Kommissionen gestalteten Politik, vorbei an Parteien und Parlament: Der Nationale Ethikrat, die Süssmuth-Kommission zur Zuwanderung, die Weizsäcker-Kommission zur Zukunft der Bundeswehr und die Rürup-Kommission zur Zukunft der Sozialsysteme. Die Früchte der Kommission Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt benannte man schließlich sogar nach ihrer Galionsfigur, dem kürzlich gestürzten Volkswagen-Arbeitsdirektor Peter Hartz. Diskutiert wurde im Fernsehen. Schröders Medium.
Die Manager lobten ihn, und sagen: Nun soll Merkel weitermachen. "Die rot-grüne Regierung verdient höchsten Respekt", meint Manfred Weber, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Banken. Am Ende, kontern die Kritiker, kam nur neoliberaler Mainstream heraus: Löhne runter, Gewinne rauf eine Politik, urteilt Frank Bsirske, Chef der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, "die schon in der Kohl-Ära nicht funktioniert hat." Die Staatsverschuldung ist noch höher geklettert, die Steuersenkungen brachten keinen Aufschwung. Über fünf Millionen Menschen sind jetzt arbeitslos. Die "Neue Mitte" jene neuen mobilen Schichten, die eine moderne SPD wählen sollten entpuppte sich als Schimäre. Der eine Teil hat zuviel Geld, um noch rot zu fühlen, der andere zu viel Angst.
Der Machtverlust ist profund, die politische Landkarte der Republik jetzt tiefschwarz. Im Westen sind ragen zwei Fleckchen heraus: Die SPD/FDP-Koalition in Rheinland-Pfalz und die große Koalition im kleinen Bremen. Die Truppen sind zurückgeschlagen in den äußersten Nordosten Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin. Rotgrün ist in den Ländern nirgends mehr. Der Kanzler aber, erklärt sein Regierungssprecher, "glaubt an das, was geleistet worden ist."
"Vertrauen in Deutschland" steht nun in dicken Lettern hinter ihm. Selten hohl klingt dieser Slogan, merkwürdig national. Er steht auch über dem SPD-Wahlmanifest, das hier herumgereicht wird. "Deutschland", heißt es darin recht pathetisch, "steht im Kampf um seine Zukunft."
Der Aktionskünstler Schröder verstand es stets, Bilder zu kreieren. Nun arrangiert der Salesman in eigener Sache die Schlussszene seiner Ära, mit vollem Timbre und tiefblauem Augenaufschlag. Eine letztes Solo für den Staatsmann und Kumpelkanzler. Seine Spin-Doktoren geben ihr Bestes, stricken an der letzten großen Story. Vom mutigen Reformer, gefallen im Kreuzfeuer der ignoranten Widersacher. Der Gigant schritt voran, doch der tückische Politdschungel umschlang seine Fesseln. Er nennt schon niemanden mehr beim Namen, keine Merkel, keine Linkspartei, keine enttäuschten roten und grünen Freunde. Sagt nur kehlig und vage: "Meine Gegner".
Schröder lächelt. Mehr Beifall brandet auf. Er hebt die Daumen wie ein Sieger. Der Mythos lebt. Der Abgang steht. Schröder, der Turmspringer, macht noch im Fallen eine gute Figur.
|
Copyright: Tom Schimmeck
Jede Weiterverwendung von Texten und Bildern auf dieser Website bedarf der Genehmigung
|