TOMSCHIMMECKsARCHIV
März 2000
 

"Erdige Pfarrerstochter"

Der deutsche Politologe Franz Walter über Angela Merkel und die Post-Kohl-CDU

von Tom Schimmeck

Herr Walter, die deutsche Christenunion wagt den Bruch und kürt eine Frau als Chefin. Spiegelt das nur ihr Entsetzen über Helmut Kohl oder zeigt sich hier ein kultureller Wandel?

Franz Walter: Beides. Die CDU vollzieht einen kulturellen Wandel nach, der auch im Bürgertum angekommen ist. Die großen Gewinner der Bildungsexpansion und der Wissensgesellschaft sind die Frauen. Die CDU hat in den 80er Jahren einen Teil der Frauen verloren. Darauf muss sie reagieren. Denn die große Reserve der konservativen Parteien in Europa sind immer Frauen gewesen. Schon zum Ende des deutschen Kaiserreichs 1918/19 haben sich die Konservativen durch die Einführung des Frauenwahlrechts stabilisiert.
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Die neuen CDU-Umgangsformen muten beinahe altgrün an, ganz basisdemokratisch und gewaltfrei. Wie deuten Sie das?

Wir erkennen insgesamt ein Aufbäumen von Parteibasen gegen Führungen, die sich in den letzten Jahren zunehmend zentralisiert und professionalisiert haben und mehr auf Medienpolitik als auf Rückkoppelung mit den eigenen Ortsvereinen gesetzt haben. Die Idee der Regionalkonferenzen ist ja in der Krise der deutschen SPD im Herbst letzten Jahres entstanden. Nun kam die CDU in die Krise. Und wieder wurde die Basis gefragt. Das erwies sich auch als Stabilisierungsmoment gegen wilde Attacken der Medien, die den Eindruck vermittelten, die Parteien würden weggespült.

Wo sind die Fürsten geblieben?

Konservative Parteien sind immer plebiszitärer und eigensinniger gewesen - die großen plebiszitären Bewegungen des 20. Jahrhunderts kamen von Konservativen, nicht von den viel durchorganisierteren und disziplinierteren Sozialdemokraten. Man hat Kohl früher dafür gelobt, dass er aus dem Honoratiorenverein CDU eine richtige Partei gemacht hat. Aber dadurch ist viel von dieser eigensinnigen Selbständigkeit verloren gegangen.

Verheißt die Protestantin Angela Merkel den Bruch mit allen Traditionen?

Da kommen wir zum zweiten Problem der CDU. Sie ist in den norddeutschen, protestantischen Gebieten fast zusammengebrochen. Das kulturelle Zentrum dieser Gebiete, das haben wir fast vergessen war das Pfarrhaus. Da ist die Pfarrerstochter Merkel ja ganz dicht dran. Zudem verkörpert Frau Merkel einen gewissen Konservatismus, schon durch ihr nicht-glamouröses, nicht-geschminktes, erdiges Auftreten. In gewisser Weise ist sie sogar eine Fortsetzung von Helmut Kohl – weil sie ganz verschiedene Erwartungen auf sich projiziert und eben keine Fundamental-Reformerin ist, auch keine scharfe Analytikerin wie ihr Vorgänger Wolfgang Schäuble.

Die Kunst, sich nicht festzulegen?

Sie war lange Ministerin und hatte Gelegenheit, Konzepte zu entwickeln, etwa für eine moderne Familienpolitik. Aber davon haben wir nichts gehört. Es gibt kein einziges familienpolitisches Modell von Frau Merkel. Und so ist das auch in allen andern Fragen. Das ist von der Art der politischer Führung her identisch mit Kohl.

Was kann heute die inhaltliche Klammer einer konservativen Volkspartei sein?

Die große Klammer des Antisozialismus ist weg. Genauso wie die Heimat, das Brauchtum, die Kirche, der Nationalstaat, der Verein – alles was für bürgerlich und konservativ stand – an Bedeutung verloren haben. Heute ist man Globalisierungsanhänger, Brauchtum ist von vorgestern. Familie schafft man gar nicht mehr, weil man ja so dynamisch und flexibel ist. Man findet keinen stillen Ort für das religiöse Mysterium mehr. Und es gibt eine Reihe von Leuten in der Jungen Union, die inzwischen auch den vorehelichen Geschlechtsverkehr praktizieren. Was die Sozialdemokraten in der postmaterialistischen Welle der frühen 80er Jahre mitmachten, wiederfährt der Union in der Globalisierungswelle des neuen Jahrtausends. Die einzige Klammer, die bleibt, ist die Gegnerschaft zu denen, die jetzt an der Macht sind, den Roten und den Grünen, die ja doch immer noch irgendwie kulturell anders sind.

Aber die Grenzen verwischen?

Gewiss. Junge Grüne sind kaum noch zu unterscheiden von Jungunionisten. Und die Grünen haben gar nicht mehr die Dynamik, Fundamentalreformen zu wollen. Die Sozialdemokraten auch nicht. Alle sind sehr mittig.

Was wird die CDU nun tun?

Man wird den Verein hätscheln und die letzten Residuen des rot-grünen Projektes angreifen, etwa die Ökosteuer.

Das ist nicht üppig.

Die entscheidende Frage scheint mir zu sein: Was ist heute noch Bürgertum? Hat diese Sozialformation noch genügend Charakteristika, um sich vom Gegner zu unterscheiden? Ich glaube, hier zerbröselt etwas. Das sieht man ringsum in Europa. Und darin liegt eine große Chance für die Sozialdemokratie und ein großes Problem für die Christdemokraten.

Der Politologe Franz Walter lehrt an der Universität Göttingen, wo er sich unter anderem mit der Kontinuität und Erosion sozialmoralischer Milieus beschäftigt. Sein neues Buch "Die Heimatlosigkeit der Macht. Wie die Politik in Deutschland ihren Boden verlor" ist im Alexander Fest Verlag, Berlin, erschienen.